Sie sind wieder da!

Ein kalter, grauer Morgen. Eisregen und starke Winde durchziehen die grobe, raue Landschaft, die gesäumt ist von Felsen und Eis. Weit und breit ist nichts zu sehen. Hohe Wellen türmen sich vor der Bucht auf. Es ist trostlos und leer. Hier am Meer. Wir schreiben den 10. Dezember 2014. Der Tag begann, wie jeder andere. Eine Welle nach der nächsten. Ein kalter Wind jagt den anderen. Frösteln, Zittern. Hilflose kleine Äuglein blinzeln verschlafen in den bedeckten Himmel. Ein erstes Gähnen erfüllt die Luft. Es bricht eine wahrliche Lawine an Gähnereien los. Als sich die Tiere wieder beruhigt haben, an ihre Schlafplätze zurückgerobbt sind und weiter dösen wollen, vernehmen sie auf einmal ein Rattern. Das Rattern eines Hubschraubers. Panische Angst weitet die kleinen Kulleraugen der Robben. Sind es Pelzjäger? Unterwegs, um unschuldige Robben ihres Fells wegen ab zu schlachten? Die Robben beginnen, panisch in Richtung Wasser zu robben. Doch als der Hubschrauber ihr Sichtfeld erreicht, halten sie Inne. Das waren sicher keine Pelzjäger. Ein merkwürdiges Fluggefährt mit Propellern nähert sich in halsbrecherischer Geschwindigkeit. Doch es ist gar kein richtiger Hubschrauber. Eine gigantische Seekuh, der ein ledernes Geschirr übergezogen wurde, fliegt durch den Himmel, direkt auf die Herde Robben zu. Auf ihrem Rücken drehen sich große Propeller und sie gibt einen dröhnenden, langgezogenen Freudenschrei von sich, als sie einen Landeplatz auf dem Eis entdeckt. Hinter sich her zieht sie einen prächtigen Schlitten, in dem drei plüschige Robben sitzen, deren Gesichter über und über mit Piercings, Tattoos, bunten Strähnchen und Nieten überzogen sind. Ein Anarchiezeichen haben sie mit Graffiti auf den Wanst der Seekuh gemalt. Viele bunte Fahnen stecken am Schlitten. Als die Seekuh mit wenig Eleganz eine Landung meistert, kommen die ängstlichen Robben neugierig heran gerobbt. Die drei bunt verzierten Robben springen aus dem Schlitten und robben ihnen entgegen. Eine der drei erhebt sich auf ihre Hinterflossen und räuspert sich, bereit zu einer Ansprache:
„Wie lange schon, musstet ihr hier ausharren? Wie lange schon, hat euch keiner mehr gewärmt? Wie lange ist es her, dass ihr ein ordentliches Frühstück serviert bekamt, etwas anderes als labberigen Fisch? Wieso müsst ihr in den eisig kalten Wellen baden, wo es auf der Welt so viele Whirlpools gibt? Ihr haust in einem Elend, seht, wie unmenschliche diese Gegend ist! Ständige Bedrohungen durch Eisbären, Wale und nicht zu vergessen, die Pelzjäger, die euch des Fells wegen das Leben nehmen. Nur damit sie Geld dafür bekommen! Ich sag euch was, meine lieben Artgenossen! Ich glaube, ihr habt, genau wie wir, die Schnauze voll von dieser Scheiße! Und ich sag euch noch etwas: Unser Schlitten ist groß! Unsere Berta -“, die Robbe deutete auf die gigantische Seekuh „ist äußerst stark! Wie wäre es, wenn ihr einfach zu uns auf den Schlitten springt und mit uns in ein Land reist, in dem es warm ist! In dem ihr euch als Robben keine Sorgen machen müsst! Wo es weder Eisbären, noch Wale und schon gar keine Pelzjäger gibt! Ein Ort, an dem ihr mit anderen Robben zusammen faul sein könnt! Habt ihr nicht schon immer von einem solchen Ort geträumt?“
Die kleine Robbenherde bricht in begeisterte Jubelschreie aus. Gemeinsam robben sie zum Schlitten. Da hält eine der Robben inne und sieht die seltsamen Retter fragend an. „Wie heißt ihr eigentlich?“, das beantworten die drei sonderbaren Robben im Chor:

„Wir sind Anarchorobben.
Wir sind faul.
Wir vergeben.
Wir vergessen.
Wartet nicht auf uns.“